Introvertierte und die Bühne

Aktualisiert: Jan 10

"Dafür dass du introvertiert bist, machst du es aber sehr gut auf der Bühne."

Solche und ähnlich Aussage habe ich schon des Öfteren gehört. Und es führte mich zu der Frage, welche Vorstellungen die Menschen davon haben, was introvertiert sein bedeutet. Denn, Introvertiertheit ist nicht das Gleiche wie Schüchternheit. Aber dazu mehr in einem anderen Artikel.

Heute versuche ich ein paar Erklärungen zu geben, warum auch introvertierte Menschen sich auf die Bühne stellen. Die Einen machen das vielleicht sogar sehr gerne. Andere tun es sich an, auch wenn sie es nicht gerne machen.


Ein kleiner Hinweis noch im Voraus: die Gedanken in diesem Beitrag sind aus meinen eigenen Erfahrung und durch den Austausch mit anderen introvertierten entstanden und wurden durch das Lesen von Literatur zum Thema Introversion, vor allem von Susan Cain und Debora Sommer, bestätigt und erweitert.


1. Bühne versus Saal

Ich habe für mich festgestellt, die Bühne ist eigentlich ein sicherer Ort. Nicht dass ich mich dort immer total wohl und frei von allen Zweifeln fühle. Aber wenn ich auf der Bühne stehe, weiss ich, was meine Rolle ist. Ich habe eine bestimmte Aufgabe. Ich leite zum Beispiel den Worship, oder ich halte einen Vortrag. Da redet mir niemand rein, es wird zugehört.

Im Saal fühlt es sich für mich viel unsicherer an. Da sind viele Menschen, viele Eindrücke. Ich weiss nicht genau, was von mir verlangt wird oder wie ich mich verhalten soll. Und auch der Überblick fehlt. Darum halten sich viele Introvertierte bei Veranstaltungen gerne am Rand auf.

Das schwierige ist daher nicht unbedingt die Bühne selber, sondern eher das vor- und nachher. Vorher wird vielleicht erwartet, dass Smalltalk gemacht wird, was vielen Introvertierten schwer fällt. Nacher möchten die Leute vielleicht Fragen stellen. Auch die Ungewissheit, wie der Auftritt auf der Bühne angekommen ist, lässt einen Introvertierten eher das Verlangen verspüren gleich über den Backstage Ausgang nach Hause zu gehen.


Mir persönlich geht es oft so. Am liebsten würde ich kommen, meinen Auftritt machen, egal ob das Singen oder einen Input halten ist, und dann gleich wieder gehen. Nicht, weil ich die Leute nicht mag und nichts mit ihnen zu tun haben will. Sondern weil ich mich im Getümmel der Leute verloren und unsicher fühle.


2. Vorbereitung

Wenn ich auf der Bühne etwas vortrage, dann konnte ich mich vorher darauf vorbereiten. Ich muss nicht innerhalb von 5 Sekunden eine Antwort auf die Frage meines Gegenübers haben oder eine schlaue Erklärung für meinen Standpunkt finden.

Eine introvertierte Person hat mir mal gesagt: "vielleicht müsste man den Satz (den ich an den Anfang gestellt habe) umformulieren und sagen: 'Gerade weil ich introviert bin, mache ich es so gut auf der Bühne.' Vielleicht ist es genau das, was den Zuhörern/Zuschauern positiv auffällt. Da sind durchdachte Worte, gefühlvolle Lieder; da ist Tiefgang."

Ich sage damit überhaupt nicht, dass extrovertierte Menschen sich nicht vorbereiten, oder keine tiefgründingen Reden halten können. Ich möchte aber sagen, dass, die Möglichkeit zu haben, sich vorzubereiten, introvertierten Menschen hilft, ihre Gedanken zu sortieren. So können sie sich an etwas festhalten. Wenn man weiss, was man sagen will, hilft das, mit Überzeugung sprechen zu können.


Ich selber habe zum Beispiel schon in der Schule gerne Vorträge gehalten und hatte nicht so grosse Mühe vor der Klasse zu stehen. Ich denke, dass hatte damit zu tun, dass ich mich zuerst in ein Thema vertiefen und dies vorbereiten konnte. Und dann konnte ich mein Wissen teilen.

Ich kann mir in den Vorbereitungen sogar einen fesselnden Einstieg überlegen und ein paar Anekdote ausdenken.


3. Leidenschaft

Ich hoffe, jeder Mensch hat zumindest ein Thema, welches ihn sehr interessiert, für das er leidenschaftlich ist, in das er sich investieren kann, worüber er forscht und nachdenkt und das ihm am Herzen liegt. Wenn Introvertierte ein solches Thema haben, dann sind sie bereit sehr viel darin zu investieren, auch wenn dies heisst, dass sie sich in Situationen begeben müssen, die sie nicht so toll finden. Zum Beispiel auf der Bühne eine Rede halten.

Susan Cain und Debora Sommer setzten sich zum Beispiel beide leidenschaftlich für das Thema Introversion ein und springen dafür oft über ihren Schatten und setzen sich dem Rampenlicht aus, auch wenn es sie viel Energie kostet. Auch Mutter Theresa und Gandhi, Mark Zuckerberg und Eleanor Roosevelt waren und sind introvertierte Personen. Sie haben aber eine Leidenschaft für eine Sache entwickelt, sich damit auseinandergesetzt und sich dann voll und ganz dafür eingesetzt.


Ich selber singe leidenschaftlich gerne und liebe Worship. Darum gehe ich auch gerne auf die Bühne. Es ist mein tiefer Wunsch, anderen Menschen durch die Musik etwas weiterzugeben oder sie in die Gegenwart Gottes zu leiten. Darum mache ich das.

Wie ihr merkt, liegt mir auch das Thema Introversion sehr am Herzen. Darum schreibe ich diesen Blog und vertiefe mich in dieses Thema. Und vielleicht halte ich ja auch mal einen Vortrag darüber?!?


4. sich regenerieren

C.G. Jung beschrieb die Introversion als Charaktereigenschaft, die ihre Aufmerksamkeit und Energie verstärkt auf das Innenleben richten. Das heisst, dass introvertierte Personen sich schneller ausgelaugt fühlen, wenn sie zu wenig Zeit für sich selber haben. In der Ruhe und im Alleinsein regenerieren sie. Und dies ist, meines Erachtens, ein wichtiger Bestandteil in der Gestaltung des Alltags einer introvertierten Person. Wir müssen genügend Zeit einplanen um uns zu regenerieren.

Ein Auftritt macht mir zwar grossen Spass, aber braucht auch viel meiner Energie. Darum probiere ich die Zeit so zu gestalten, dass ich nicht an drei Abenden hintereinander einen Auftritt habe, oder dass ich mir, nach einem Gottesdienst, in dem ich Worship geleitet habe, den Nachmittag frei nehme. So kann ich mich von der Anstrengung in der Art, wie es mir guttut wieder erholen.

Ein guter Tipp gibt Professor Brian R. Little. Er bezeichnet sich selber als stark introvertiert, war aber ein überaus beliebter Professor, der viele Vorlesungen und Vorträge hielt. Er baute sich in seinen Alltag sogenannte Regenerationsnischen ein, wo er einen kurzen Moment hatte, um zu seinem wahren Selbst zurückzukehren und einen Augenblick alleine zu sein. Das konnten zwei Minuten in einer WC-Kabine sein, zwischen zwei Vorlesungen, oder 30min Spazieren über Mittag. (Cain, 2013)

Wer weiss, wie er/sie sich erholen kann und dies gut in seinen Alltag integriert, kann auch sehr anstrengende Zeiten erfolgreich überstehen.


Natürlich sind wir alle verschieden. Darum, egal ob du auf einer öffentlichen Bühne stehst oder nicht: gestalte dein Leben so, dass es dir guttut und investiere in deine Leidenschaft.


Literatur:

Cain, Susan (2013). Still: die Kraft der Introvertierten. München: Goldmann.

Sommer, Debora (2018). Die leisen Weltveränderer: von der Stärke introvertierter Christen. Holzgerlingen: SCM Hänssler.



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